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Heimat, was ist das?

Aus Atterwiki

„Heimat“, was ist das?

Initiativen wie die Internetdatenbank AtterWiki, welche regionale, historische Themen öffentlich kommunizieren, finden ein beachtliches Interesse. Der folgende Beitrag versucht, Beweggründen auf die Spur zu kommen, die der Beziehung zur Heimat einen besonderen Stellenwert in der Bevölkerung verleihen.

Ein Schild auf den Cayman Ilands – 8645 km nach Nußdorf am Attersee

Im Attergau engagieren sich viele Leute in der Erforschung, Dokumentation und Erhaltung regionaler Besonderheiten. Dazu gehören Traditionen, Brauchtum, Musik, Literatur, Biographien, Museen, Heimathäuser, Denkmäler, Kapellen, Marterl, alte Mühlen, Themenwege, archäologische Forschungen und viele weitere Initiativen. Wegen ihrer internationalen Bedeutung zählen die prähistorischen Pfahlbauten am Attersee seit 2011 zum UNESCO-Welterbe. Der Verein AtterWiki hat sich zum Ziel gesetzt, das umfangreiche Wissen über den Attergau zu sammeln, zu archivieren, aktuell aufzubereiten und der Öffentlichkeit kostenlos zugänglich zu machen. Seit der Gründung 2009 wurden schon viele Millionen Suchanfragen aus aller Welt gezählt, mehrere Tausend täglich. Das von Anton Roither 2010 herausgegebene Buch: „NUSSDORF AM ATTERSEE – Eine Heimatkunde“ dokumentiert viele interessante Facetten der Nußdorfer Geschichte sehr ausführlich und professionell. In seiner Internetdatenbank „ATTERPEDIA“ veröffentlicht Heinz Stigler seine wissenschaftlichen Forschungen und methodisch-systematischen Informationen zum Attergau. Eine umfangreiche Sammlung historischer Fotografien und Zeitdokumente hat Walter Großpointner beschrieben und archiviert. Auch das Tagebuch des Michael Wiesinger erlaubt eine Vorstellung vom ländlichen Leben und die touristische Entwicklung am Attersee bis in das 19. Jahrhundert zurück. Auf der Internetseite https://heimatbuch-nussdorf.jimdofree.com/ versuche ich, eine kurzweilige Zeitreise durch die faszinierende Geschichte unserer Heimat mit tagesaktuellen Informationen zu verbinden, was der Attergau an Sehenswürdigkeiten, attraktiven touristischen Angeboten und kulturellen Highlights zu bieten hat.

Bei der Beschäftigung mit regionalen Themen kommt man schwer an der Frage vorbei: Was ist mit „Heimat“ alles gemeint? Das Internetlexikon Wikipedia definiert den Heimatbegriff so: „Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. Er steht auch in einer speziellen Beziehung zum Begriff der „Siedlung“; dieser bezieht sich, im Gegensatz zum Wohnplatz, in der Regel auf eine sesshafte Lebensform, d. h. auf ein dauerhaftes bzw. langfristiges Sich-Niederlassen und Wohnen an einem Ort bzw. in einer Region. Der Heimatbegriff befindet sich in ständiger Diskussion.“

Auch wenn man sich den Ort seiner Geburt nicht aussuchen kann, fragt man sich vielleicht irgendwann: „Wo auf der Welt bin ich da eigentlich gelandet?“ Hatten andere weniger Glück oder mehr? Habe ich schon Wurzeln geschlagen oder möchte ich weiterziehen? Was möchte ich ändern? Womit muss ich leben lernen? Man vergleicht und ist zufrieden oder nicht. Mit einer holzwirtschaftlichen Exkursion in abgelegene Gebiete Sibiriens und Chinas begann ich solche Gedanken bewusst wahrzunehmen und zu ordnen. Die um den Baikalsee verstreuten Barackenlager der Holzfäller erinnerten mich an manche Erzählungen von Nußdorfer Heimkehrern aus der russischen Kriegsgefangenschaft und an die Schilderungen der stalinistischen Straflager in Alexander Solschenizyns Dokumentation, „Der Archipel GULAG“. Die Atmosphäre in den berüchtigten Verbannungsorten der Sowjetherrschaft habe ich als sehr beklemmend empfunden. „Man kann mich nicht mehr nach Sibirien schicken, ich bin schon da!“ Aus diesem gebräuchlichen sibirischen Ausspruch zu schließen, haben die Menschen dort mit ihrem Umfeld zu leben gelernt. Bei einer spontanen Einladung zu einem russischen Hochzeitsfest war auch inmitten der unwirtlichen Taiga ein Gefühl von Heimat zu spüren.

Ausgestattet mit Sondergenehmigungen der Behörden, führte der Weg weiter zu abgelegenen Siedlungen in einem militärischen Sperrgebiet der chinesischen Provinz Heilongjiang. Mangels sonstiger Herbergen wohnte unsere kleine Gruppe von Holzfachleuten in Räumen der örtlichen Militärkommandantur. Ich hatte den Eindruck, dass die schüchtern wirkenden Menschen noch nie zuvor Europäern begegnet waren. Drei Jahre waren seit der 1976 durch Deng Xiaoping beendeten sogenannten „Kulturrevolution“ vergangen, die zu menschenverachtender Unterdrückung, Hungersnöten und Massenelend geführt hatte. Das Heimatland von mehr als einer Milliarde Menschen durchlebte nach dem Tod Mao Zedongs gerade einen Umbruch ihrer Machtstrukturen. Die Aufbruchstimmung in eine neue Zeit kam bei einer für damalige chinesische Verhältnisse sensationellen Modeschau, die ich im großen Volkstheater der Millionenstadt Harbin miterleben durfte, auf bewegende Weise zum Ausdruck. Das Publikum in seinen grünen und blauen Einheitsuniformen starrte mit ungläubigen Gesichtern auf die in Jeans und kurzen farbenfrohen Kleidern über die Bühne tanzenden Models. Die klassenlose Gesellschaft war ins Wanken geraten. Etwas mehr Freiheiten in der persönlichen Lebensgestaltung und das Ende der internationalen Isolation lösten eine Geschäftigkeit aus, die auf den überquellenden Lebensmittelmärkten, sowohl in den ländlichen Regionen als auch in den pulsierenden Metropolen Harbin, Peking, Shanghai, Suzhou und Guangzhou besonders beeindruckend zu erleben war. Am selben Tag als wir die deutsche Botschaft in Peking besuchten, um uns für die diplomatische Unterstützung zu bedanken, eröffnete Bundeskanzler Helmut Kohl das erste Volkswagenwerk in China. Das sprichwörtliche Land der aufgehenden Sonne wurde für Unzählige zu einer Heimat voller Hoffnung. Rückblickend scheint es, als durfte ich damals die ersten Schritte Chinas auf seinem Weg zur Weltmacht aus der Nähe betrachten.

Wie unterschiedlich sich Heimat anfühlen kann, fiel mir besonders in Nord- und Südamerika auf. Zum einen „The American way of life“, mit seiner Konsummaximierung und Gigantomanie. Zum anderen die einsam und lethargisch auf ihren Pferden dahinreitenden Gauchos in der Steppe Feuerlands, wo die Vertrautheit mit der Natur und den Viehherden zum Lebensglück reicht. Etwas wehmütig erinnere ich mich an eine kleine menschenleere Atlantikinsel vor Schottland. In den verfallenen Steinhäusern standen noch die Reste von Tischen, Betten und Webstühlen herum, wie die letzten Schafbauern ihre zu karg gewordene Heimat für immer verlassen hatten. Enttäuschten und erfüllten Wunschträumen von einer neuen Heimat bin ich auf der Fahrt von Sydney nach Canberra begegnet. Eine ältere Dame verkaufte auf einer Aussichtsterrasse in den Blue Mountains ihre selbst gemalten Bilder, um sich das karge Leben aufzubessern. Als sie mir von ihrer Jugendzeit in Wien erzählte, kullerten ihr Tränen über die Wangen. Wenig später erzählte mir ein Einwanderer aus Deutschland stolz von seinen Miethäusern, die ihm in Australien ein gutes Leben ermöglichen. Auf den langen Fahrten mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die endlos scheinende Taiga, mit alten Dampfzügen der chinesischen Ostbahn durch die Innere Mongolei, vorbei an den Viehherden der Nomaden und den Graskarpfenfischern in den weiten Sumpfgebieten des Amur zu den Metropolen Chinas, mit Bussen durch Nord- und Südamerika, mit dem Segelboot durch die Inselwelt Griechenlands, Schottlands, Irlands, zu alten Handelsstädten an der Ostsee und kleinen Fischerdörfern entlang der norwegischen Küste nördlich des Polarkreises, auf einem selbstgebauten Floß aus Baumstämmen durch Schwedens Värmland, ebenso wie auf meinen Wegen durch Australien, Afrika, die Philippinen, Japan, Island, nach Singapur, Hongkong, Macao und durch viele weitere Gegenden entstand eine Vorstellung davon, wie Menschen zwar von ihrem Umfeld unterschiedlich geformt werden, sich aber fundamentale menschliche Wesenszüge überall in ähnlicher Form wiederfinden oder wie es der Volksmund sagt, „überall gibt es Solche und Solche“.

Aus der Nähe betrachtet drängen sich weitere Fragen auf. Ist Heimatgefühl eine Mischung aus Familie, Beruf, Stammtisch, Kirche, Sportverein, Musikkapelle, Heimatverein? Wie weit reicht Heimat? Rund ums Haus, Wohnort, Landschaft, Nation? Was ist mir meine Heimat wert? Wie viel bin ich bereit für sie zu leisten, worauf zu verzichten? Ist Heimat eine geschlossene Gesellschaft von Familie, Freunden, Gleichgesinnten oder hat sie Platz für Fremdes, Neues, Ungewohntes? Mit dem Tourismus und internationalen Wirtschaftsbeziehungen sind gravierende Veränderungen in den gesellschaftlichen Strukturen sowie im Lebensstil der Bevölkerung einhergegangen. Ausländer bezahlen alljährlich mehr als zweihundert Milliarden Euro für österreichische Waren und Dienstleistungen und sichern damit den Lebensunterhalt und die Sozialleistungen von rund 1,2 Millionen Österreichern samt ihren Familien. Viele Einheimische lernen ferne Länder und andere Kulturen kennen, sprechen fremde Sprachen und pflegen Freundschaften in aller Welt. Seit jeher werden aber auch Dogmen ersonnen, um mit Ausgrenzung und Feindbildern gegen Menschen, die nicht „einheimisch“ und daher keine „Unsrigen“ sind, autoritäre Machtzirkel zu schmieden. Schon der Gründervater der USA, George Washington warnte: „Hütet euch vor Betrügereien unter dem Deckmantel des Patriotismus!“ Beseelt von patriotischer Vaterlandstreue opferten schon Millionen ihr Leben für politische Machtspiele. Die Suche nach seriösen, unparteiischen Informationsquellen war nie einfach. Gründliche Recherchen kosten Zeit und Geld. Täuschungsversuche drängen sich auf und sind gratis. Um Propaganda zu durchschauen, Gefahren zu erkennen und ihnen rechtzeitig zu begegnen, hat es sich schon immer gelohnt, kritisch hinter die Fassaden zu blicken.

Es konnte nur ein bescheidener Versuch sein, sich dem anzunähern, was Heimat bedeutet. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Insbesondere die nach der Zukunft. Welche Heimat wird die heutige Generation der nächsten hinterlassen? Wird sie weiterhin von jener weltoffenen Wertschätzung getragen sein, die für eine der längsten Friedensperioden in der europäischen Geschichte sorgte? Oder wiederholt sich das bittere Schicksal unserer Vorgenerationen, das mit der Verachtung anderer Menschen begann, schleichend und unerkannt in den katastrophalen Folgen? Mit dem Leitgedanken, „Zukunft braucht Wissen was war“ lade ich zu einer Zeitreise durch die faszinierende Geschichte des Attergaus ein.

Internetadresse: https://heimatbuch-nussdorf.jimdofree.com

Manfred Hemetsberger


Quellen

  • Manfred Hemetsberger, Nußdorf
  • Foto Hermann Reischer, Nußdorf