Elektrizitätsgenossenschaft Parschallen am Attersee

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Das Hügelland westlich von Parschallen-Aich vom Hochlecken aus gesehen

Die Elekrtizitätsgenossenschaft Parschallen am Attersee wurde im Jahr 1924 gegründet um mehrere abgelegene Ortschaften und Gehöfte im bergigen westlichen Teil der Gemeinde Nußdorf am Attersee mit elektrischem Strom zu versorgen. 1960 wurde die Genossenschaft aufgelöst und die Anlagen der OKA, jetzt Energie AG, übertragen.

Vorwort

Franz Falkensteiner, Sohn vom Wastlmannhof in Aichereben, Gemeinde Nußdorf am Attersee, jetzt Neudecker zu Neudeck in Gampern, hat die Geschichte der Elektrizitätsgenossenschaft Parschallen erforscht und dokumentiert. Manches davon hat er noch selbst erlebt und vieles kennt er aus Gesprächen, Erzählungen und alten Dokumenten. Sein Vater war langjähriger Gemeinderat in Nußdorf und engagierte sich für viele Anliegen der Bauernschaft und der Bewohner der umliegenden Ortschaften von Aichereben. Franz Falkensteiner ist Autor des Buches, Diesseits und Jenseits vom Landgraben in dem er die bewegte Geschichte und bewegende Geschichten in der Umgebung seines Heimathauses beschreibt und erzählt. Die Elektrifizierung der abgelegenen Häuser und Höfe im westlichen Hügelland über dem Attersee war ein Meilenstein in der ländlichen Entwicklung lange vor der Aufschließung mit Güterwegen und Straßen. Seine authentischen Schilderungen erlauben es, den Hergang und die Bedeutung der Versorgung mit elektrischem Strom für das tägliche Leben der Menschen nachzuempfinden. In einem eigenen Beitrag wird die Elektrifizierung im Attergau geschildert.

Geschichte

Durch das Bemühen des Bauern Gottlieb Prummer, dem „Gneißl z‘ Zell“ wurden im Jahre 1924 einige Ortschaften entlang des Attersees, bis hinauf zu den Einzelgehöften in Aichereben, damals Gemeinde Lichtenbuch, mit elektrischem Strom erschlossen. Prummer kam beim Götztenloher in der Gemeinde Pitzenberg zur Welt und heiratete 1919 die Kriegswitwe Maria Gneißl. Da ich diesen Mann zwar persönlich gekannt, aber nie mit ihm geredet habe, bin ich bei diesem Bericht auf die Erzählungen meines Vaters, auf das Wissen von Gottfried Löschenberger, auf meine eigenen Erinnerungen und die Eintragungen in den Protokollbüchern angewiesen.

Zum Betrieb der Tramway (Elektrische Lokalbahn Unterach-See) gab es bereits im Jahre 1907 eine Starkstromleitung vom Traunfall bis nach Unterach. Die Trasse verlief so wie heute an der Westseite des Attersees (Nußdorf, Parschallen, Misling). Außerdem sollte 1925 in Timelkam das ebenfalls von der Firma Stern&Hafferl errichtete Kohledampf-Kraftwerk in Betrieb gehen. Da das zu erwartende höhere Stromaufkommen auch weitere Abnehmer benötigte, war eine Netzerweiterung äußerst sinnvoll. Aus diesem Grund wird es wohl damals zwischen den Stromanbietern und dem „Gneißl“ zu näheren Kontakten gekommen sein. Schließlich verlief die Starkstromleitung durch seine Grundstücke. Die elektrische Energie war aber zu dieser Zeit noch Neuland. Außerdem war die wirtschaftliche Lage nach dem Ersten Weltkrieg alles andere als gut. Wenn ich mir vorstelle, wie schwierig es gewesen sein musste, die Bevölkerung für eine solche Investition zu gewinnen, dann wird der Gneißl sicher ein sehr hohes öffentliches Ansehen gehabt haben.

Für die Grundbesitzer entlang der Trasse wäre der Anschluss ans Netz möglicherweise finanziell verkraftbar gewesen. Aber was sollte mit den anderen weit abseits gelegenen Höfen geschehen? Hohe Anschaffungs- und Erhaltungskostenkosten hätten die Finanzkraft der Bevölkerung bei weitem überfordert.

Um so ein Projekt zu realisieren, bedurfte es der gemeinsamen Anstrengung. Die Idee eines Friedrich Wilhelm Raiffeisen „Einer für alle - alle für einen“ könnte die Verwirklichung des Projektes ermöglicht haben. Da vereinbart wurde, dass die technischen Anlagen gemeinsam finanziert und erhalten würden und die künftigen Mandatare ihr Amt ehrenamtlich ausführen, kam es am 11. November 1923 zur Gründung der „Elektrizitätsgenossenschaft Parschallen am Attersee“.

Gründungsmitglieder

Laut Protokoll vom 21. Dezember 1924 gab es folgende 40 Gründungsmitglieder:
Renner Josef, Franz Eder, Gottlieb Neubacher, Mathias Schachl, Johann Danter, Andreas Wiener, Josef Wachter, Anton Mayrhauser, Moritz Speigner, Theresia Löschenberger, Gottlieb Prummer, Josef Mayrhofer, Josef Hemetsberger, Franz Neuhofer, Johann Bruckbacher, Franz Steinbichler, Franz Ericher, Franz Pachler, Franz Eder, Franz Tiefenbacher, Josef Segner, Leopold Schernthaner, Johann Wiespointner, Karl Renner, Alois Roither, Franz Raudaschl, Mathias Neubacher, Franz Riesinger, Franz Lacher, Josef Enser, Johann Danter, Michl Hemetsberger, Dr. Poltin, Franz Falkensteiner, Alois Hemetsberger, Franz Windhager, Franz Kiebler, Mathias Graf, Franz Neubacher und Ignaz Schernthaner.
Die Gründungsmitglieder wählten den ersten Vorstand aus ihrer Mitte.

Der erste Vorstand

Obmann: Gottlieb Prummer, Gneißl in Zell
Obm.-Stv. und Schriftführer: Hans Danter, Schneiderbauer zu Reith
Obmannstellvertreter: Josef Hemetsberger, Lacher zu Dexelbach
Kassier: Moriz Speigner, Kaufmann in Zell
Beisitzer: Mathias Neubacher, Sperr in Aich

Technische Anlagen

Über die gesamten Errichtungskosten konnte ich nichts erfahren. Aber im Protokollbuch ist vermerkt, dass der Anschluss für Kraftstrom 440.000 Kronen und für Lichtstrom 10.000 Kronen pro Lampe kostete. (Eine Umrechnung auf den Euro ist leider nicht möglich, weil sich der Wert der Krone damals täglich änderte.)

Die einzige Trafostation befand sich in Parschallen ca. 200 m hinterm Leitnerhaus, Richtung Dachsberg und ca. 50 m südlich vom Heideckerhaus. Das Bauwerk wurde aus roten Mauerziegeln errichtet.

Wie vorher geschrieben, wurde der Strom von der schon bestehenden 30.000-Volt-Leitung (Stern & Hafferl) bezogen und in der genossenschaftseigenen Anlage auf 380 bzw. 220 Volt heruntertransformiert. Zur Errichtung der Freileitung wurde vom Trafo bis zum Groißn in Aich ein Fünfziger-Kupferkabel gespannt, dann genügten vorerst einfache Kupferdrähte mit verschiedenen Querschnitten. Das Mastlochgraben, das Mastensetzen und das Leitungsauslegen war Aufgabe der Genossenschaftsmitglieder.

Mit diesem erstem Projekt wurden folgende Ortschaften erschlossen:
Reith, Zell, Dexelbach, Parschallen, Aich, Stockwinkel, Reiserbauer, Wiedmais, Schwendt, Kratzesberg, Misling, Grub, Hausmann, Modla, Holzberg und Aichereben.

Anzumerken wäre jedoch, dass vorerst nicht alle Häuser ans Netz angeschlossen wurden. Bei einigen Häusern wurde entweder nur die Kraftleitung, bei anderen nur der Anschluss für das Licht installiert. Ob es sich um eine finanzielle Angelegenheit oder um eine persönliche Abneigung gegenüber der neuen Energiequelle handelte, dürfte auch weiterhin im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben.

Im Protokoll vom 30. März 1924 ist vermerkt, dass der Anschluss pro Lampe 3.000 Kronen kostet und für einen E-Mast, inkl. Bringung, 95.000 Kronen vergütet werden. Außerdem war wegen der doch sehr bescheidenen Stromanlieferung eine Abnahmeregelung notwendig. Dies bedeutete, dass der Einsatz der sowieso spärlich vorhandenen Elektromotoren zeitmäßig geregelt war. (ZB. Lenzmann, Montag-von bis-; Wastlmann,-von bis-; Tofferlmann,-von bis- usw.)

Wenn manchmal über die Preise für Elektrogeräte diskutiert wird, dann wäre ein Vergleich zu den Anschaffungskosten des Jahres 1924 empfehlenswert: zB. kostete der vom Wastlmann gekaufte AEG 3-PS-Schleifringmotor samt Schaltwippe, Ölbadanlasser und Gestell soviel wie ein sechsschühiger Ochse. (etwa 550-570 kg Lebendgewicht). 2017 würde man dafür vier oder sogar fünf neue Motoren mit gleicher Leistung samt Stern-Dreieckschalter und Riemenscheibe bekommen.

Stromkosten Wastlmann:
1924: 12.430.000,00 Kronen, Inflation!!!!!!!!!!!
1925: 122,05 Schilling, dieser Betrag ist 2017 mit 2,8 zu multiplizieren, 122,05 x 2,8 = 343,00 Euro
1957: ca. 600,00 Schilling
Zu beachten wäre: damals waren höchstens 10 Lampen und der E-Motor im Einsatz.
1925 erfolgte die erste Abrechnung in Schilling
Ab 29. Juni 1925 kostete der Anschluss
pro Lampe 1,50 Schilling
pro Lichtsicherung 7,0 Schilling
pro Kraftsicherung 13,0 Schilling

Was sich zwischen 1926 und 1937 ereignete, konnte ich leider nicht eruieren.

Am 24. Juli 1938 fand unter dem Vorsitz des damaligen Ortsgruppenleiters eine Sitzung statt. Dabei wurden die bisherigen Funktionäre ihres Amtes enthoben und durch Neue ersetzt.

Für den 7. November 1945 wurde wieder eine Vollversammlung einberufen. Laut Protokoll war sie vorerst nicht beschlussfähig, weil zu wenige Mitglieder anwesend waren. Nach Abwarten einer halben Stunde wurde die Versammlung ohne Rücksicht auf die Mitgliederzahl als beschlussfähig erklärt und ein neuer Vorstand gewählt:

Obmann: Michael Hemetsberger, Wieserbauer, Nußdorf
Obmann Stv.: Franz Falkensteiner, Wastlmann, Aichereben
Ausschussmitglieder: Franz Werner, Zell; Johann Schindlauer, Wendl, Parschallen; Franz Raudaschl, Holzberger, Holzberg; Mathias Lacher, Aich; Ferdinand Löschenberger, Reiserbauer, Aich; Franz Feichtinger, Grabler, Aich
Aufsichtsratmitglieder: Gottlieb Roither, Franzlbauer, Zell; Franz Neuhofer, Tofferlmann, Aichereben; Josef Nußbaumer, Wiedmais; Mathias Steinbichler, Roidbauer, Buchenort; Alois Hemetsberger, Tofferl, Aich; Alfred Kurz, Zell; Josef Segner, Parschallen; Franz Klezl, Wiedmais; Johann Bruckbacher, Moar, Dexelbach.

Baustufe II 1947-1950

1947 erfolgte die Trassierung und der Bau der Leitung von Zell nach Limberg und zum Mahdbauern. Obwohl es so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fast nirgends das notwendigen Material zu kaufen gab, wussten sich die Limberger zu helfen. Sie organisierten sich angeblich aus einem in Altenberg abgestellten Wehrmachts-Lastkraftwagen die Drähte für die Freileitung. Der Mahdbauer musste die erforderlichen Masten zur Verfügung stellen. Die gröberen Arbeiten, wie Trasse freilegen, Mastlöcher graben, Masten setzen, Leitungsdrähte ausrollen, erledigten die Limberger selber. Über die Kosten dieses Projektes und die Baufirma habe ich keine Erkundungen gemacht. Als Limberg angeschlossen war, tauchte das nächste Problem auf: der Strombedarf überstieg die Stromlieferkapazität. Daher war es manchmal so, dass die Glühbirnen in den letzten Häusern fast erloschen und die Motoren keine Leistung mehr erbrachten.

Stromkosten 1949:
Grundgebühr (abhängig vom Grundbesitz)
Kleinabnehmertarif 80 Groschen/Kilowattstunde
Wieserbauern-Lager 40 Groschen/Kilowattstunde

Ab dem Jahre 1949 erfolgte eine umfangreiche Investition. Die Firma Kagerer aus Linz plante und baute mit Krediten der ERP-Wiederaufbaubeihilfe und der Leistung der Genossenschaftsmitglieder das gesamte Freileitungsnetz bis nach Lichtenbuch, einschließlich aller bisher angeschlossenen Ortschaften.

An Stelle des einzigen Stromverteilers in Parschallen wurde für Dexelbach, Zell, Reith und Limberg in Zell ein eigener Trafo errichtet. Eine neue Trafostation in Misling wurde für die Stromversorgung der Häuser jenseits des Urfangbaches benötigt. In Stockwinkel wurde etwa 100 Meter oberhalb vom ehemaligen Gasthaus Häupl der dritte Trafo errichtet. Von dieser Anlage aus sollte das gesamte Berggebiet versorgt werden.

Einen Anschluss über Oberaschau lehnten die Lichtenbuchner aus Kostengründen ab. Dies erwies sich jedoch als großer Fehler, denn die Leitung vom Tofferlmann bis nach Schwarzenbach entpuppte sich wegen der exponierten Lage als äußerst störanfällig. Vom Trafo in Stockwinkel bis auf die Anhöhe der Ramsauerleitn wurde das vorher von Parschallen bis Aich gespannte Fünfziger-Kupferkabel wieder verwendet. Auf allen sonstigen Strecken kamen neue ALU-Leitungsdrähte zum Einsatz.

Eine große Schwachstelle waren die unimprägnierten Holzmasten. Nach einigen Jahren verfaulten sie zwischen Himmel und Erde. Wenn die Grundbesitzer dies zeitgerecht meldeten, dann wurde eben ein neuer Mast dazugestellt und die Isolatoren bei Gelegenheit ummontiert. Bei den neu errichteten Trassen gab es das Problem, dass alle Masten auch zur gleichen Zeit morsch und untauglich wurden. Dies haben wir im Abschnitt zwischen Stockwinkel und der Anhöhe auf der Ramsauerleitn erlebt. Nach einem starken Schneefall stürzten alle Masten um. Dadurch kam es zu einen längerem Stromausfall. Es gab zwar damals noch keine Gefriertruhen oder sonstige Dauerstromabnehmer. Trotzdem musste trotz aller wetterbedingten Unbilden sofort mit der Schadensbehebung begonnen werden.

Mein Vater war damals Obmann-Stellvertreter. Seine Aufgabe war es, den Wiederaufbau zu koordinieren. Ich wurde zum Graben eines Mastloches im steilem Gelände eingeteilt. Da ich mit dieser Tätigkeit noch nicht vertraut war, setzte ich den Einstieg zu kurz an. Dies hatte wiederum zur Folge, dass ich nach vier Stufen keinen Platz für eine weitere hatte. In meiner Verzweiflung machte ich auf engstem Raum noch einen Stich in die Tiefe und holte die Erde mit bloßer Hand heraus. Für eine Rast und eine Jause blieb keine Zeit, weil ich einerseits wegen meines Ungeschicks schon viel länger als die anderen brauchte, andererseits waren mir die Mastensetzer bereits auf den Fersen. Unter Mithilfe des Elektrikers Herrn Birnecker erledigte ich den Auftrag gerade noch rechtzeitig. Aber ich habe mir damals geschworen, nie mehr ein so enges Loch zu graben.

Anlässlich dieser Störungsbehebung tauchte ein vorher kaum beachtetes Problem auf. Laut Statuten wären alle anliegenden Genossenschaftsmitglieder zur Mithilfe an der Behebung der Schäden verpflichtet gewesen. Zur Arbeit kamen aber nur die Ortsansässigen. Die Zweitwohnungsbesitzer waren kaum erreichbar. Oder sie hätten sowieso nicht mitgeholfen. Andererseits erwarteten so manche, dass die ehrenamtlichen Ausschussmänner alles gratis machen sollten. (ZB. Zähler-ablesen, Robot-einsagen usw.)

Eine eventuelle Aufwandentschädigung fanden sie unakzeptabel. Genau aus diesem einen Grund verliefen die Jahreshauptversammlungen meist sehr emotional. Dies bewog den Vorstand, die Gunst der Stunde zu nutzen und eine Übernahme der Anlagen durch die OKA vorzuschlagen. Dies geschah anlässlich der folgenden Jahreshauptversammlung. 1960 wurde die Genossenschaft aufgelöst. Seither erfolgt die Stromversorgung durch die Energie AG.

Siehe auch

Quelle

  • Franz Falkensteiner, Gampern